Blog

Music-Sync-Business: Wie bringe ich meine Musik in Filmen und Games unter?

Das Music-Sync-Business: Eine große, stark wachsende Industrie, von der die wenigsten wohl bisher überhaupt gehört haben. Dabei bietet sie aufstrebenden Musiker*innen und Produzent*innen eine sehr gute Möglichkeit sich auf dem internationalen Markt einen Namen zu machen. Doch was ist dafür entscheidend und wie funktioniert dieses Business überhaupt?

Wer kennt sie nicht, die größten Filmkomponisten unserer Zeit: Hans Zimmer, Ennio Morricone oder John Williams, deren Werke Filmen Legendenstatus verleihen und für sich alleine stehen können.Was wäre Star Wars nur ohne John Williams‘ „Imperial March“ oder „Spiel mir das Lied vom Tod“ ohne diese eine Mundharmonika aus der Feder Ennio Morricones? Es sind Stücke, die einen ganzen Film bestimmen.

Was ist aber mit der ganzen anderen Musik die in Filmen oder Serien zu hören ist? Der Song, der nur leise im Hintergrund einer Bar Szene läuft oder die Verfolgungsjagd auf dem Highway untermalt? Wer war für diese Komposition verantwortlich und wie hat sie es in den Film geschafft? Nun, dahinter steckt eine ganze Industrie, und sie kümmert sich um das sogenannte Music-Sync-Business. Also darum, sogenannte Source-Musik zu finden, die neben der Themen-Musik im Film, TV oder auch Spielen gebraucht wird.

Doch wie schaffe ich es als Musikproduzent*in oder Sounddesigner*in nun meine Musik in solchen Produktionen zu platzieren? Welche Regeln muss ich dabei beachten und was erwartet mich überhaupt in diesem Business? 

Um Antworten darauf zu bekommen, haben wir uns mit Julian Angel unterhalten, Autor des Buches „Music-Sync-Money“. Julian hat in seiner Karriere bereits Musik in über 1000 Filmen, TV-Shows und Spielen untergebracht und kennt die Industrie wie kaum ein anderer. Er ist der festen Überzeugung, dass das Music-Sync-Business aufstrebenden Musikproduzent*innen, als auch gestandenen Alumni ein finanziell lukratives Betätigungsfeld bietet:

Hallo Julian, wieso ist es für Musikproduzent*innen und Sounddesigner*innen interessant, sich im Music-Sync-Business zu versuchen?

Es besteht ein großer Bedarf an sogenannter Source-Musik, also Musik, die als Unter- oder Überleger in Filmszenen gebraucht wird und nicht vom Filmkomponisten, der das Theme schreibt, kommt. Stellt man es richtig an, kann man von diesem Geschäft gut leben.

Bevor wir in die Details gehen, wie muss man sich dieses Business vorstellen? Oder einfacher: Wie kommt die Musik beispielsweise aus der Barszene überhaupt in einen Film?

Meist gibt es in einer Film-,TV- und Game-Produktion einen Music-Supervisor. Dessen Job ist es, für verschiedene Szenen dem Skript entsprechende Musik zu finden. Dazu wendet man sich sehr gerne an sogenannte Music-Libraries oder Musik-Boutiquen. Das sind Unternehmen, die ganze Musikkataloge von unterschiedlichsten Künstlern aus aller Welt unter Vertrag haben und bei Anfragen eines Music-Supervisors oder einer Werbeagentur, die angeforderte Musik vermitteln. Für Trailer-Produktionen gibt es dann noch sogenannte Trailer-Houses.

Was unterscheidet eine Musik-Boutique von einer Musik-Library?

Der Unterschied zwischen einer Musik-Library und einer Musik-Boutique ist, dass Musik-Boutiquen meist kleinere Unternehmen mit persönlichen Ansprechpartnern sind, während viele Libraries anonymen Upload Portalen gleichzusetzen sind. Ich selbst bevorzuge deshalb die Boutiquen, weil der persönliche Kontakt einer der Schlüssel zum Erfolg im Music-Sync-Business ist.

Die Wertschöpfungskette lässt sich also grob so darstellen: Ein Musiker tritt einer Musik-Boutique bei, diese vermittelt dann die passende Musik an den Music-Supervisor einer Film- oder TV-Produktion.

Was sind die Grundvoraussetzungen, um sich bei einer Musik-Boutique / Library zu bewerben?

Zuerst muss man in der Lage sein, Musik im Broadcast-Qualität produzieren zu können. Dann ist es essentiell, seine Hausaufgaben zu machen, sich richtig aufzustellen und vorzubereiten, bevor man sich bewirbt. Egal, welche Musik man macht, die Präsentation auf der eigenen Homepage muss stimmen! Die Musik muss in eigenen Kategorien auf entsprechenden Unterseiten mit Streaming-Funktion zu finden sein. Keine Download-Links, es muss so einfach wie möglich sein, die Musik zu hören.

Hat man zum Beispiel einen Rock-Track geschrieben, so empfiehlt es sich, diesen nicht nur als Gesamtstück, sondern auch als reines Instrumental oder Backing Track zur Verfügung zu stellen. Oftmals können Vocals störend sein, da freut es den A&R einer Musikboutique, wenn er gleich Zugriff auf das Soundbett hat.

Music-Sync-Money Julian Angel

Julian Angel

Wenn man ein gewisses Repertoire erstellt und kategorisiert hat, wie kommt man dann in eine Musik-Boutique oder Library?

Recherche, Präsentation und Ansprache müssen stimmen! Eine oder mehrere gute Musik-Boutiquen zu finden, kann gerade im US-Markt auch etwas Geld kosten. Es gibt Verzeichnisse wie „The Music Registry“, bei denen man Kontaktlisten guter Musik-Boutiquen mit Ansprechpartnern und Genre Kategorien kaufen kann. Und gerade diese persönlichen Kontakte, werden später den Unterschied machen.

Hat man das erledigt, dann sollte man den verantwortlichen A&R der Musik-Boutique nach der Registrierung mit einer kurzen Vorstellungs-Email kontaktieren. Hier kommt eben der persönliche Kontakt ins Spiel, den man aufbauen und pflegen muss. Von epischen Biographien ist komplett abzusehen. Ein Satz, der kurz und knapp beschreibt, wer man ist, was man liefern kann, muss reichen. Time is money! Welche Kontaktformen sehr gut funktionieren und welche nicht, beschreibe ich genauer in meinem Buch. Und dann kommt ein Faktor ins Spiel, der vielen Kreativen ein Dorn im Auge ist.

Man muss kontinuierlich an der Erweiterung seines Repertoires – im Fachjargon „Alben“  genannt – arbeiten. So hart es klingt, jeden Arbeitstag einen neuen Track zu produzieren, ist Sync-Alltag, will man sich ins Spiel bringen.

Wie geht es dann weiter?

Hat man sich erfolgreich bei einer Library oder Boutique beworben, dann agiert die Boutique wie ein Agent. Der Agent, kann aber nur erfolgreich arbeiten, wenn der Künstler sein Profil klar kommuniziert hat. Im Idealfall fällt dem A&R sofort dein Name ein, wenn er eine Anfrage für Source-Musik von einem Music-Supervisor bekommt.

Wenn man sich in einer Library oder Boutique zum Beispiel das Standing erarbeitet hat, Mr. oder Mrs. „Hairmetal“ oder „HipHop“ zu sein, dann klickt es sofort beim A&R und die Anfrage wird sehr schnell an Dich direkt weitergeleitet oder zumindest kommst Du in den Anfragepool. Das kann dann eine E-Mail sein nach dem Motto: „Hey, die suchen einen Rock-Track im Stile von XY, hast Du da was im Repertoire oder kannst Du mir bis dann und dann was dazu liefern?“ Und dann durchsucht man entweder seine Kataloge auf der Festplatte oder produziert ein paar Tracks in der gewünschten Richtung.

Wenn man dann einen Treffer gelandet hat und die Musik der Produktionsfirma gefällt, wie kommt es dann zum Vertrag und noch wichtiger, wie kommt man dann zu seinem Geld?

Da gibt es mehrere Abstufungen. Es gibt Festpreise, die ein Filmproduzent zahlt, um meine Aufnahme zu nutzen, auch Sync-Fee oder Master-Lizenz genannt. Durch den Vertrag mit der Library, teilt man sich diesen Preis meist 50/50 mit dieser. Auch verhandelt die Boutique mit dem Produzenten über die Präsenz der Musik im Film. Läuft der Track deutlich im Vordergrund, dann bekommt man mehr Geld, als wenn er nur als Source-Musik aus einem Radio zu vernehmen ist.

Als Komponist bekommt man dann noch zusätzlich Geld in Form von Tantiemen, wenn der Film z.B. im Fernsehen oder auf Streaming-Portalen ausgestrahlt wird. Dazu füllt die Musik-Boutique oder man selbst ein sogenanntes Q-Sheet mit allen relevanten Daten wie IPI-Nummer, Komponisten-Namen etc. aus, welches an die TV-Sender mit dem Film geschickt wird, damit diese den Verwertungsgesellschaften zur Verfügung gestellt werden, welche dann für die Ausschüttung der Tantiemen sorgen. Leider sind diese Beträge gerade im US-Kino-Bereich und Video On Demand sehr gering und deshalb sollte man sich stärker auf Sync-Fee-Festpreise konzentrieren.

Gibt es Kardinalfehler, die man unbedingt vermeiden sollte?

Bei aller musikalischen Kreativität muss man sich einigen Regeln beugen, die gerade bei Source-Musik wichtig sind! So sollte man immer für den Cutter produzieren. Das bedeutet, die Musik muss sich leicht schneiden lassen! Ein Thema, das sich in vier Takten aufteilt und vier mal hintereinander kommt, macht es dem Cutter leicht, sich das passende Stück rauszuschneiden und der Stimmung entsprechend zu platzieren. Das bedeutet auch, dass man sein Solo mit dem Ende des vierten Taktes auch wirklich enden und nicht in den fünften übergehen lässt. 80 Prozent der Source-Musik besteht eigentlich aus Instrumentals. Auch hier sollte man immer verschiedenste Versionen abliefern, wie mit und ohne Vocals, mit und ohne Soli, Backing-Track, Stems mit Percussion und ohne etc. 

Was das Sounddesign betrifft, so ist weniger oft mehr! Denn zu viele Layers klingen über die kleinen TV-Boxen oft matschig, nicht jeder hat eine Dolby-Surround-Anlage angeschlossen. Dann klingt es eben nicht mehr so episch und das kann ein Problem sein. Vom Sound Design her ist Source-Musik eigentlich eher „dünner“ produziert als ein Radiotrack. Ebenso sollte man auf heftige Akzente verzichten. Also Bläser oder Pauken, die plötzlich dazwischen fahren, können dem Cutter die Stimmung verhageln. Es sei denn, es wird gezielt nach Spannungsaufbau gesucht. Das ist dann meist bei score-ähnlicher Musik der Fall, wie sie gerne in TV-Shows verwendet wird. Also der Moment, wo sich entscheidet, ob der Kandidat jetzt gewonnen hat oder nicht. 

Schlussendlich kommt es eben wieder auf das saubere Sortieren und Kategorisieren der eigenen Tracks an! Kategorisiert man seinen Track richtig mit „Extrem-Sports“, „Game-Show“, „Ego-Shooter“, etc. dann weiss der A&R schon, was ihn erwartet und kann dementsprechend agieren.

Wenn man das alles gemacht hat, dann läuft das Business also von alleine?

Das wäre schön! Nein, man muss kontinuierlich weiter arbeiten, sowohl in der Produktion als auch im stetigen Kontakt mit den Musik-Boutiquen oder Libraries.

Was die Produktion betrifft, das wirkt vielleicht abschreckend, so empfehle ich einen neuen Track pro Arbeitstag zu erstellen. Stetig sein Repertoire zu erweitern ist Pflicht! Auch hier empfiehlt es sich, seinen Output zu erweitern. So habe ich zum Beispiel gerade ein Synth-Wave-Album fertiggestellt, das jetzt nicht wirklich zu meinem Standing als Rockmusik-Produzenten passt.

Und hier kommt die Kommunikation mit der Boutique wieder ins Spiel. Es empfiehlt sich, in regelmässigen Abständen die A&Rs anzuschreiben, sie darüber zu informieren, dass man hier etwas Neues in Petto hat, falls Interesse besteht. So weiss die Boutique, dass man noch immer am Start ist, neues und auch anderes Material anliefern kann. Man sollte sich hier nicht zurücklehnen, sondern auch pro-aktiv sein. Man kann zum Beispiel auf der imdb nachsehen, welche neue Filmproduktionen gerade in Planung sind und wenn die eigene Library mit der Firma schon gearbeitet hat, dann kann man ruhig anfragen, ob man sich dort nicht ins Spiel bringen will. Mit der Zeit bekommt man ein Gefühl dafür, was funktioniert und was nicht. Es ist ein spekulatives Geschäft. Selbst wenn Du eine Anfrage bekommst, dann heisst das noch lange nicht, dass Du den Job auch bekommst.

Wer also frisch in das Music-Sync-Business einsteigen will, muss einen langen Atem haben?

Music-Sync-Business ist kein Instant-Money-Maker! In der Branche sagt man, dass es zwischen zwei und fünf Jahren dauert, bis man sich etabliert hat und davon leben kann. Vorausgesetzt, man bleibt am Ball, beackert das Feld kontinuierlich, entwickelt ein Gespür für das, was gesucht ist und wählt sich seine Partner sorgfältig aus.

Du selber bist bewusst hauptsächlich bei Musik-Boutiquen, warum sind diese die Partner Deiner Wahl?

Im Unterschied zu den Libraries, handelt es sich hierbei um kleinere Unternehmen mit echten Menschen, zu denen man einen persönlichen Kontakt aufbauen kann. Music-Sync ist ein People’s-Business.

Es gibt auch einen großen Unterschied zwischen US-amerikanischen Boutiquen und deutschen. Zum einen ist der Markt in den USA viel größer und zum anderen ist der Kontakt und die Arbeitsweise lockerer. Die deutschen Vertreter der Zunft machen es einem oft schwer, sie zu mögen.

Music-Sync-Business

Music-Sync-Money, von Julian Angel

In deinem Buch schreibst Du von sogenannten „Billig-Libraries“, was muss man darunter verstehen?

Kurz gesagt, alle Libraries, die ihren Kunden ein Abo-Modell anbieten, wo man für einen gewissen Betrag so viel Musik wie möglich herunterladen und verwenden kann, bezeichne ich als „Billig-Libraries“. Ich bin zwar bei ein oder zwei davon registriert, die Payouts daraus sind aber marginal.

Gerade in Corona-Zeiten leiden ja viele Musiker unter enormen Einkommensverlusten. Wie hat Dir dein Music-Sync-Business da geholfen?

Ganz ehrlich, es hat mir den Hintern gerettet! Das ist natürlich auch dem Umstand zu verdanken, dass ich das schon jahrelang mache. Auch wenn momentan kaum Filme produziert werden, im TV werden nun viele ältere Filme wieder ins Programm genommen oder auch in Streaming-Portale gepackt. Und gerade hier kamen in der Krise gute Tantiemen rein.

Vielen Dank für die spannenden Einblicke in dieses interessante Geschäft. Für alle die mehr zu diesem Thema erfahren wollen, kann ich Dein Buch “Music-Sync-Money”  nur wärmstens empfehlen. Es ist voller Tipps und Tricks und mit einigen Interviews mit Playern aus dem Business ausgestattet. Wo kann man Dein Buch „Music-Sync-Money“ denn überall erwerben?

Gern geschehen, ich hoffe Eure Leser sind neugierig auf die Welt der Film-TV- und Games-Musik geworden. „Music-Sync-Money“ ist beim Quickstart-Verlag oder bei Amazon man erhältlich. Es hat 266 Seiten und kostet 24.95 Euro. 

Solltest Du mehr über das Thema erfahren wollen, empfehlen wir Dir folgenden Blogartikel in welchem einer unserer Absolventen beschreibt, wie er geschafft hat als aktiver Student, Musik für ein Mobile Game zu produzieren.

Interview: Marc Weissenberger Editierung: Yannick Sahlmen