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Sylvia Massy Workshop am Abbey Road Institute Berlin

Während der einjährigen Ausbildung hier am Abbey Road Institute Berlin kommen wir, die Mitarbeiter und Studenten, häufiger in den Genuss spannender Workshops von erfolgreichen Produzenten, Engineers und Musikern. Doch dieser Workshop war nicht wie jeder andere. Er sollte sich als unvergesslich herausstellen – denn Gast am Institut war niemand geringeres als Sylvia Massy.

Der Charme des Ungewöhnlichen:

Die mit mehrfach-platin ausgezeichnete Produzentin und Toningenieuren ist nicht bloß für ihre sehr beeindruckende Diskographie bekannt (u.a. Tom Petty and The Heartbreakers, Tool), sondern auch für ihre außergewöhnliche Aufnahme- und Mixingtechniken. Dadurch hat sie es in den letzten Jahrzehnten geschafft, sich zu einer der größten Persönlichkeiten im Recordingbereich zu etablieren und ist damit auch ein Vorbild für viele von uns.

Nun hatten wir im Juni für einen ganzen Tag die Gelegenheit, Sylvia in unserem Studio bei der Arbeit über die Schulter schauen zu dürfen und beim Aufnehmen und Mixen der Berliner Band Black Heino zu assistieren. Dabei zeigte sie uns auch einige ihrer vielen ungewöhnlichen Aufnahmemethoden, welche sie über die Jahre hinweg selbst entwickelt hat und mittlerweile die Grundlage für den berühmten “Sylvia Massy Sound” bilden. Im Laufe des Workshops wurde beispielsweise ein Gartenschlauch, Goudakäse und ein Telefon für die Aufnahmen verwendet. Dinge, die man normalerweise nicht unbedingt im Studio erwarten würde.

Aber alles der Reihe nach:

Gartenschlauch-Delay und andere glückliche Zufälle:

Der Tag begann mit einer eher lästigen, aber sehr essentiellen Aufgabe – dem Aufstellen und Stimmen des Schlagzeugs. Sylvia war sich dabei nicht zu schade, selbst Hand anzulegen, um alte Schlagzeugfelle auszuschneiden und auf die Drums zu legen, um den Schlagzeugsound „trockener“ zu machen.

Für uns wurde es so richtig interessant, als sie eine Box mit allerlei Alltagsgegenständen hervorholte. Dabei erklärte sie uns, wie ein gewöhnlicher Gartenschlauch dabei helfen kann, ein Drum-Delay zu kreieren, ohne dabei einen unangenehm-scharfen Beckensound zu haben. An das eine Ende des Schlauches wurde ein SM57 befestigt und das andere Ende verdichtet.

Allgemein fiel auf, wie viele preisgünstige Mikrofone sie für ihre Aufnahmen bevorzugt. Auf Nachfrage begründete sie die Entscheidung damit, dass fehlendes Equipment einen keinesfalls daran hindern sollte Musik zu produzieren. Viel wichtiger sei es, sein eigenes Werkzeug zu beherrschen und es in kreativer Weise zu nutzen. Zum Beispiel lässt sich ein altes Telefon in ein “Charaktermikrofon” verwandeln, welches wir wiederum im Laufe des Tages noch für Schlagzeug- und Gesangsaufnahmen verwenden sollten.

Sie ist der Überzeugung, dass es sinnvoll ist seinen Produktionen einen bestimmten “Charakter” zu verleihen. Auf diese Weise bekommen die eigenen Produktionen einen wiedererkennbaren Sound, für welche man im optimalen Fall von seinen Kunden gebucht wird.In ihrer Kernaussage ermutigte Sylvia Massy uns, über den akustischen Tellerrand zu schauen.

“Schalte bitte den Käse aus, damit wir den Gartenschlauch hören können”

Ihren „Outside-of-the-box“-Ansatz verfolgt Sylvia auch beim Mixen von Songs, indem sie vor allem auf analoges Equipment setzt. So wurde die E-Gitarre für den Rocksong durch ein großes Stück Käse verkabelt, um einen verzerrten, quietschenden Fuzz-Sound zu kreieren. Was wiederum zu einer ungewöhnlichen Diskussion darüber führte, welcher Käse denn am besten klingen möge. Es stellte sich heraus, aus ihrer Sicht ist es Gouda – wegen des hohen Salzanteils.

Diese Methode gehört zu einem ihrer Lieblingstricks, mal abgesehen vom ähnlichen Ansatz, bei dem der Käse durch eine Glühlampe ersetzt wird. Glücklicherweise hatten wir genügend Zeit auch diese Variante auszuprobieren – unglücklicherweise ging einer unserer Röhrenverstärker in Rauch auf. Aber sowas kann schon mal passieren, wenn man experimentiert.

So ungewöhnlich ihre Herangehensweisen auch sein mögen, wie der Gebrauch eines alten Telefons oder eines Gartenschlauchs, als wir Sylvia bei ihrer Arbeit an der API Konsole zuschauen durften, waren wir alle vom Sound überwältigt.

Wenn es gut klingt, dann ist es auch gut

Die schiere Begeisterung, die Sylvia bei ihrer Arbeit ausstrahlte, machte es unheimlich einfach für uns, beim Workshop mitzufiebern, bis zu dem Punkt, an dem einige von uns gefragt wurden, ihr bei der Bedienung des analogen Equipments zu helfen.

In einer Zeit, in der das meiste visuell auf dem Bildschirm passiert, war es sehr erfrischend zu sehen, wie Sylvia an ihre Arbeit herangeht. Wenn es gut klingt, dann ist es auch gut. Völlig egal, ob dir dein Verstand normalerweise sagen würde, dass du nicht mit 30dB Pegelreduzieren aufnehmen solltest.

Der Tag endete mit zwei Überstunden, was aber keinem so richtig aufzufallen schien. Die Zeit verfliegt, wenn man Spaß hat –  und an diesem Tag wurde jedem bewusst, den Studenten als auch unseren Mitarbeitern, was der Sinn hinter dem Theorieunterricht und den ganzen Übungen ist: Musik zu produzieren, sich im Moment zu verlieren und die Physik auszublenden und stattdessen der eigenen Intuition im Studio zu vertrauen.

Man kann reinen Gewissens sagen, dass jeder von uns etwas von diesem Workshop mitgenommen hat, für einige Studenten galt dies jedoch besonders: Am folgenden Tag wurden alle Gegenstände, die wir zuvor im Workshop benutzt hatten, in mehreren Sessions wiederverwendet. Damit lässt sich mit Sicherheit festhalten, dass Sylvia Massy uns nicht bloß alle zutiefst beeindruckt hat, sondern dass zudem ihre ungewöhnlichen Methoden und Herangehensweisen in viele unsere zukünftigen Produktionen einfließen werden.

Autoren: Thomas Schöttl, Yannick Sahlmen  Übersetzung: Thomas Schöttl, Yannick Sahlmen